Geschichte des Diakonissen-Mutterhauses Rotenburg

Entstehungsge­schichte

Die Geschichte des Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg Wümme beginnt im 19. Jahrhundert mit Elise Averdieck, welche 1808 in Hamburg geboren wurde. Im Jahr 1856 nahm die Diakonisse Elise Averdieck einen unversorgten Kranken in ihrer Wohnung auf, um ihn zu pflegen. Aus diesem Anfang entwickelte sich bald eine kleine Krankenstation. Schon drei Jahre später bekam Elise Averdieck einen hohen Geldbetrag zum Bau eines neuen Gebäudes für ihre Krankenstation geschenkt. Es wurde 1860 als Diakonissen-Mutterhaus eingeweiht. Elise Averdieck nannte es „Bethesda“.

Eine zweite prägende Person war Helene Hartmeyer, welche 1890 Oberin von Bethesda wurde. „Bethesda“ war mittlerweile ein angesehenes Krankenhaus in Hamburg. Die Ärzte dort betrachteten die Diakonissen allerdings nur als
tüchtige Krankenpflegerinnen, die jedoch durch ihr Ehrenamt den Betrieb des Krankenhauses erst ermöglichten. Helene Hartmeyer verwies dagegen immer wieder auf die eigentliche Aufgabe der Diakonissen als Dienerinnen Gottes. Die Fronten verhärteten sich. Ärzteschaft und Gesamtvorstand von den Diakonissen verlangten, die Krankenpflege an den Armen zu reduzieren und dafür verstärkt im Bereich der Privatpflege von wohlhabenden Patientinnen und Patienten zu arbeiten, da dies wirtschaftlich deutlich attraktiver war. Schließlich weigerte sich der Vorstand einen neuen Hausgeistlichen für die Diakonissen einzustellen. Es kam zum Eklat und in einem gemeinsamen Schreiben erklärten die Bethesda-Schwestern ihre Kündigung. Am 01. April 1905 trafen Helene Hartmeyer und 62 Diakonissen in Rotenburg ein, wo noch im selben Jahr der Grundstein für das heutige Diakonissen-Mutterhaus gelegt wurde. Sie übernahmen die Pflege von mehr als 300 behinderten Menschen und legten damit den Grundstein für die Arbeit der heutigen „Rotenburger Werke gGmbH“.

Wie gehts weiter?

Zur Geschichte des Diakonissen-Mutterhauses Rotenburg

Der Auftrag: Helfen ist unsere Tradition

Die Oberin des Diakonissen-Mutterhauses und Mitbegründerin des Diakoniekrankenhauses Rotenburg begründete mit ihrem Berufsethos – mit dem Dreiklang von Ausbildung, Krankenpflege und Seelsorge – eine Tradition, die bis heute gültig ist. Mit ihr begann die Entwicklung der Stadt zu einem überregionalen Ausbildungszentrum für Krankenpflege und sozialpädagogische Berufe.

Das neue Mutterhaus wurde das Herzstück der Rotenburger Schwestern, hier lebten sie fortan als Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft. Hier wurden auch die jungen Schwestern auf ihren Beruf als Diakonisse vorbereitet. Dazu war eine Ausbildung nötig, die nicht nur Unterricht in allgemeinen Schulfächern wie Literatur, Geografie und weiteren, sondern auch Krankenpflege und Erziehung zu Sitte und Anstand umfasste. Und die jungen Schwestern mussten lernen, sich in die Gemeinschaft einzufügen.

Doch bei aller Strenge gelang es Helene Hartmeyer, den Schwestern mütterliche Liebe entgegenzubringen, ihnen das Gefühl zu geben, im Mutterhaus ihr neues Zuhause gefunden zu haben.

Im Jahr 1912 wurde die Gemeindekirche „Zum Guten Hirten“ eingeweiht und seit 1982 gab es im Mutterhaus eine eigene Kapelle.

Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete das Mutterhaus auf dem Gelände des Kalandshofs eine Zweiganstalt des Krankenhauses mit einer Lungenheilstätte, einem Altenpflegeheim und der einzigen Entbindungsstation Niedersachsens für Mütter, die an Tuberkulose erkrankt waren.

Trennung von den Rotenburger Werken

Im Jahr 1955 kam es zu Streitigkeiten in der Leitung des Diakonissen-Mutterhauses. In Folge dieser Entwicklungen kam es zur Trennung und zur Gründung der „Rotenburger Anstalten der Inneren Mission“, welche seither die Pflege und Unterbringung von Menschen mit Behinderung übernahmen. Das Diakonissen-Mutterhaus konzentrierte sich von da an auf die Krankenpflege.

1975 wurde ein moderner Neubau des Diakoniekrankenhauses seiner Bestimmung übergeben.

Vom Wachstum zum Umbruch

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Diakonieklinikum immer weiter ausgebaut, eine Fachschule für Altenpflege und Sozialpädagogik gegründet sowie ein Kindergarten gebaut und betrieben. Anfang der 2000er-Jahre forderte das Finanzamt die Aufspaltung der Arbeitsbereiche, insbesondere im Diakonieklinikum, in einzelne Betriebe. Die Leitung des Diakonissen-Mutterhauses entwickelte die Idee, sich als kleinen Konzern mit der Dachgesellschaft „ProDiako“ und den einzelnen Unterbetrieben aufzustellen. Nach anfänglichem Erfolg kam es dazu, dass man sich finanziell übernahm. Im Jahr 2012 spitzte sich die Situation soweit zu, dass der Verein alleine nicht mehr überleben konnte und kurz vor der Insolvenz stand. Mit dem AGAPLESION gAG Krankenhaus Aktienkonzern fand sich ein christlicher finanzstarker Partner, welcher 60 % des Diakonieklinikums übernahm und das Mutterhaus fortan nicht mehr im operativen Krankenhausgeschäft tätig war.

In einer Übergangszeit bis Ende 2016 war der Geschäftsführer des Diakonieklinikums zugleich Vorstandsvorsitzender des Ev.-Luth. Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg (Wümme) e.V. und in dieser Funktion mit einer doppelten Leitungsaufgabe betraut. Das Kuratorium (Aufsichtsrat) des Diakonissen-Mutterhauses bestimmte im Frühjahr 2017 einen neuen Vorstandsvorsitzenden, welcher fortan zugleich theologischer Direktor im Diakonieklinikum ist und somit weiterhin eine doppelte Führungsaufgabe hat. Ebenfalls seit 2012 im Vorstand des Vereins tätig ist die Oberin der Diakonissen. Zusammen bilden die beiden heute den Vorstand und somit die Leitungsebene des Vereins.

Die Mitarbeitenden des Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg fühlen sich bis in die heutige Zeit dem Lebenswerk von Elise Averdieck verbunden: Sie glauben, dass sie bei Gott in guten Händen sind. Das möchten sie allen Menschen weitergeben, die ihnen anvertraut sind.

Bedeutsame Diakonissen

Elise Averdieck

Geboren

am 26. Februar 1808 in Hamburg

Gestorben

am 04. November 1907 in Hamburg

Deutsche Schriftstellerin, Schulleiterin sowie die Gründerin des Kranken- und Diakonissenmutterhauses Bethesda in Hamburg

Elise Averdieck hatte zwölf Geschwister, zu deren Unterstützung sie nach der Schulzeit zu Hause blieb, um ihnen im Haushalt zu helfen.
1837 eröffnete sie in der Vorstadt St. Georg eine Vorschule für Knaben und übernahm in der St. Georger Sonntagsschule des Pfarrers Johann Wilhelm Rautenberg die Mädchenabteilung.

Elise Averdieck arbeitete mit in dem von Amalie Sieveking gegründeten Frauenverein für Armen- und Krankenpflege.
1856 gab sie ihre Schule auf und nahm mit einigen Freundinnen in den 5 Zimmern ihrer Wohnung „Am Borgesch“ Patienten auf, um sie zu pflegen. Aus diesen allerkleinsten Anfängen entstand das erste kleine Krankenhaus. Elise Averdieck nannte es „Bethesda“ – „Haus der Barmherzigkeit“.

Als die Zahl der Patienten wuchs und der Raum zu knapp wurde, entschloss sich Elise Averdieck zum Umzug in die Stiftsstraße.
Theodor Fliedner, der die Hamburger Verhältnisse gut kannte (seine zweite Ehefrau Caroline Berthau war eine Freundin Elise Averdiecks), ermutigte Elise, ihr „Bethesda“ in ein Diakonissenhaus nach Kaiserswerther Modell und zur Ausbildungsstätte für Krankenpflege umzuwandeln.
Am 19. November 1860 segnete Pastor Rautenberg Bethesda zum Diakonissen-Mutterhaus ein.
Im Jahr 1869 ermöglichte sie die Gründung einer Diakonissenanstalt in Braunschweig. Im Herbst 1881 legte sie ihr Amt nieder.

Helene Hartmeyer

Geboren

am 7. Januar 1854 in Kiel

Gestorben

am 21.Februar 1920 in Rotenburg (Wümme)

1891 – 1905 Oberin im Mutterhaus und Krankenhaus Bethedsa in Hamburg (Nachfolgerin von Elise Averdieck)

1905 – 1920 Oberin des Ev.-luth. Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg (Wümme)

Das Hamburger Mutterhaus und Krankenhaus Bethesda war 1860 von Elise Averdieck gegründet worden. In zunehmendem Maße erwartete vierzig Jahre später der Vorstand des Krankenhauses von den Diakonissen die Privatpflege von Vermögenden, während sich die Schwestern vor allem um die Menschen in den Armenvierteln kümmern wollten. Es kam zum Streit und zur Trennung.

 

Am 1.April 1905 zog Helene Hartmeyer mit 62 Diakonissen von Hamburg nach Rotenburg und gründete hier Mutterhaus und Krankenhaus.
Die überzeugte Christin, leidenschaftliche Pädagogin und selbständige Denkerin Helene Hartmeyer setzte Maßstäbe in Krankenpflege, Erziehung und Ausbildung. Mit ihrem Berufsethos begründete sie eine Tradition in Rotenburg, die bis heute gültig ist.

Zwangssterili­sationen in der Zeit des National­sozialismus

Die Eugenik, auch als Erbgesundheitspflege oder Erbhygiene bezeichnet, entwickelte sich in Europa etwa seit 1900. Ziel der Eugenik war, mit bevölkerungs- und gesundheitspolitischen Maßnahmen den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.
Die Nationalsozialisten setzten diese Ideen der Eugenik radikal um. 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen, nach dem Menschen mit verschiedenen Krankheiten sterilisiert werden sollten. Wörtlich heißt es im Gesetzestext: „Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet: angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, erblicher Fallsucht, erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), erblicher Blindheit, erblicher Taubheit, schwerer erblicher körperlicher Mißbildung“ sowie an „schwerem Alkoholismus“.

Etwa 360 000 Menschen wurden auf dieser Grundlage in den Jahren von 1933 bis 1945 sterilisiert.

Das Krankenhaus des Diakonissen-Mutterhauses war als evangelisches, nicht staatliches Krankenhaus nicht verpflichtet, Sterilisationen nach diesem Gesetz durchzuführen. Dennoch beantragte Pastor Buhrfeind 1934 als Direktor der Rotenburger Anstalten der Inneren Mission sowie Leiter des  Diakonissen-Mutterhauses und des dazugehörigen Krankenhauses, Sterilisationen nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ durchführen zu dürfen. Buhrfeind folgte damit der Empfehlung des Centralausschusses der Inneren Mission, evangelische Krankenhäuser sollten bei freiwilligen Sterilisationen mitwirken.

In den Jahren 1934 bis 1945 wurden in Rotenburg 335 Bewohnerinnen und Bewohner der Rotenburger Anstalten sterilisiert. Dabei verstarben zwei Frauen an den Folgen dieser Eingriffe.

Die Zwangssterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung  erbkranken Nachwuchses waren für die Nationalsozialisten nur der erste Schritt hin zur späteren Ermordung Kranker und Behinderter. Im Rahmen der Aktion T4 – benannt nach der Adresse der Berliner Zentrale für die systematische Vernichtung sogenannten lebensunwerten Lebens in der Tiergartenstraße 4 – wurden zwischen 1940 und 1945 mindestens 547 Bewohnerinnen sterilisiert.

Stolpersteine in der Eingangshalle des Diakonieklinikums erinnern an zwei Opfer der Zwangssterilisationen in der Zeit des Nationalsozialismus: Adelheid (Adele) Nöbeling und Else Lisbeth Warnken verstarben an den Folgen der im damaligen Rotenburger Krankenhaus durchgeführten Operation.

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Der historische Ort - Geschichte und Gegenwart